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Migräne und das Wetter – Wetterfühligkeit als Auslöser

Viele Migränepatient*innen kennen das Problem: Es ist Herbst, die Außentemperaturen sinken und plötzlich haben wir doch noch mal einen warmen, spätsommerlichen Tag. Anstatt die letzten warmen Tage des Jahres zu genießen, liegen einige Migräniker*innen in abgedunkelten Räumen, plagen sich mit starken Kopfschmerzen und können das Leben nicht genießen.

Viele Migränepatient*innen gehen nicht zuletzt aus eigener Erfahrung davon aus, dass ein Wetterumschwung eine Migräneattacke auslösen kann. Ob ein Wetterwechsel aber tatsächlich starke Kopfschmerzen und Migräneattacken auslösen kann oder ob es sich dabei lediglich um eine subjektive Erwartungshaltung handelt, erfährst du hier.

Wetterfühligkeit hat viele Gesichter

Fangen wir doch erst einmal von vorne an: Wann gilt ein Mensch eigentlich als wetterfühlig und was genau bedeutet das? Unser Körper muss sich äußeren Schwankungen – also zum Beispiel Änderungen der Temperatur, des Luftdrucks oder der Luftfeuchtigkeit – anpassen. Das ist wichtig, um die Körpertemperatur konstant und Körperfunktionen aufrecht zu halten. Gesteuert werden diese Anpassungen von dem sogenannten vegetativen Nervensystem. Es regelt beispielsweise, wie die Körpertemperatur konstant gehalten wird oder wie stark wir schwitzen. Das Besondere am vegetativen Nervensystem ist, dass wir es nicht bewusst steuern können. Die meisten Menschen nehmen die Anpassungen des Körpers deshalb gar nicht bewusst wahr. Andere Menschen jedoch schon. Ändert sich das Wetter, fühlen sie sich plötzlich unwohl, sind unkonzentriert oder schlafen schlechter. Einige Menschen spüren ihr Rheuma dann stärker, haben plötzlich Herz-Kreislauf-Beschwerden oder berichten von einer Migräneattacke1,2.

Wenn Wetter zu Kopfschmerzen führt

Dass Wetterfühligkeit körperliche Beschwerden verursachen kann, ist nichts neues. In einer Studie des Headache Center of Atlanta geben ca. 53 % der Migränebetroffenen an, dass Wetterumschwünge einen Einfluss auf ihre Kopfschmerzen haben und Migräneattacken auslösen können. Nach Stress, Hormonschwankungen bei Frauen und ausgelassenen Mahlzeiten wird der Wetterwechsel als vierthäufigster, subjektiv empfundener Trigger angesehen3. Ergebnisse anderer Studien haben gezeigt, dass es nur bei einem geringeren Anteil der Betroffenen einen Zusammenhang zwischen der Wetterlage und den Migräneattacken gibt. Auch wenn hier der Einfluss höher eingeschätzt wurde, als er tatsächlich war4,5. Ob es also einen klaren Zusammenhang zwischen dem Wetter und Kopfschmerzen bzw. Migräneattacken gibt, ist wissenschaftlich noch nicht belegt.

Neuere Studien zeigen, dass Luftdruckänderungen, ein Anstieg der Durchschnittstemperatur von mindestens 5°C innerhalb eines Tages sowie Fönwetterlagen Migräneattacken auslösen können6-8. Nachgewiesen wurde auch, dass Höhenlagen aufgrund des geringeren Sauerstoffgehalts in der Luft starke Kopfschmerzen verursachen können. Dies ist insbesondere bei einem schnellen Aufstieg der Fall5. Auch eine hohe Luftfeuchtigkeit, besonders in der warmen Jahreszeit, könnte die Wahrscheinlichkeit für Migräneattacken erhöhen9.

Es gibt aber auch Studien, die keinen Einfluss des Wetters auf Migräne zeigen konnten. Würde zum Beispiel eine hohe Luftfeuchtigkeit per se Migräne begünstigen, würde Migräne in Klimazonen mit generell hoher Luftfeuchtigkeit häufiger auftreten. Dieser Zusammenhang konnte jedoch nie gezeigt werden. Migräne tritt in allen Klimazonen ungefähr gleich häufig auf. In einer Studie der Universität Wien führten 238 Migränepatient*innen über 3 Monate ein Symptomtagebuch. Anschließend wurde analysiert, ob Kopfschmerzen und Migräneattacken bei Hochdruckeinfluss, Wind und Wechsel der Sonnenstunden häufiger auftraten. Es wurde jedoch lediglich ein minimaler Effekt gefunden10.

Da der Zusammenhang von Migräne und Wetter bisher noch nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte, untersuchen Wissenschaftler*innen den Einfluss der sogenannten „self-fulfilling prophecy“. Es wird untersucht, ob eine persönliche Erwartungshaltung dann auch tatsächlich eintritt10. Heißt es im Wetterbericht, dass ein Wetterumschwung zu erwarten ist, kann alleine die negative Erwartungshaltung zur Auslösung einer Migräneattacke führen.

Wetterbedingte Migräne vorbeugen. Das kann helfen!

Wetterfühlige Menschen können selbst aktiv werden, um in Zukunft besser mit Wetterwechseln zurecht zu kommen. Hier findest du die wichtigsten Tipps:

Ein Migränetagebuch führen

Welche Wetterlagen lösen deine Migräneattacken aus? Ist es der starke Temperaturabfall, das aufziehende Gewitter oder eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit? Durch ein Migränetagebuch kannst du herausfinden, ob hier ein Zusammenhang bestehen könnte.

Migräne-Wetterkarten

Migräne-Wetterkarten, auch als Biowetterkarten bezeichnet, sind spezielle Wettervorhersagen, die Tage mit einem hohen Risiko für Migräneattacken anzeigen. Sie zeigen, wann ein schwül-warmes Wetter erwartet wird, sich ein Gewitter anbahnt oder wann generell mit einem starken Temperaturwechsel gerechnet wird. Manche Migränebetroffenen haben damit gute Erfahrungen.

Ausgewogene und niedrig-glykämische Ernährung

Die Ernährung gehört zu den wichtigsten Strategien zur Migräne-Prophylaxe. Aktuelle Studien zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Blutzucker- und Insulinspiegel und dem Auftreten von Migräne gibt11,12. Mit sinCephalea, der „App auf Rezept“, kannst du deine individuelle Blutzuckerreaktion auf Lebensmittel testen und erhältst personalisierte Ernährungsempfehlungen, um deinen Blutzuckerspiegel konstant zu halten. Auch wenn sich das Wetter ändert, kann sich so die Häufigkeit von Migräneanfallen wahrscheinlich verringern.

Ausreichend trinken

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, ca. 1,5 Liter pro Tag zu trinken13. Je nach Vorerkrankung, sportlicher Aktivität und Außentemperatur kann diese Empfehlung allerdings abweichen. Besonders an heißen und schwülen Tagen ist das Trinken besonders wichtig, denn durch das Schwitzen verliert der Körper viel Flüssigkeit. Ausreichend trinken ist wichtig für die Gehirnfunktion und kann Kopfschmerzen vorbeugen und Migräneattacken reduzieren.

Regelmäßiger und erholsamer Schlaf

Aktuelle Studien zeigen, dass Menschen mit Migräne im Vergleich zu Gesunden eine schlechtere Schlafqualität haben können. Eine schlechte Schlafqualität erhöht bei vielen Patient*innen das Risiko für Migräneattacken14,15. Umso wichtiger ist es, einen stabilen Schlafrhythmus einzuhalten und auf eine gute Schlafqualität zu achten. Vielen Migränepatient*innen hilft der Schlaf auch, um einen akuten Anfall zu behandeln5,14.

Extreme Kälte vermeiden

Extreme Kälte führt zu einer Verengung der Blutgefäße, was wiederum Kopfschmerzen oder Schmerzen im Allgemeinen auslösen kann. Migränebetroffene sollten sich nicht nur bei sehr niedrigen Außentemperaturen warm einpacken, sondern auch bei sehr kalten Speisen und weiteren Kältereizen vorsichtig sein.

Hitze meiden und rechtzeitig den Schatten aufsuchen

Genauso wie extreme Kälte sollten Migräniker*innen möglichst auch starke Hitze meiden. Hohe Ozonwerte und eine hohe Luftfeuchtigkeit, wie man sie gerade in den Sommermonaten erlebt, können die Gefahr einer Migräneattacke erhöhen9.

Temperaturwechseltraining

Bestandteil eines Temperaturwechseltrainings können regelmäßige Wechselduschen, Kneippanwendungen oder Saunagänge sein. Der Körper soll sich dadurch an Temperaturschwankungen gewöhnen. Welche Methode für dich am besten geeignet ist, kannst du selbst herausfinden.

Entspannungsübungen

Techniken wie Yoga, Meditation, Achtsamkeit oder progressive Muskelrelaxation helfen dir beim Entspannen. Sie sorgen dafür, dass Blutdruck, Herzfrequenz und Cortisol-Spiegel sinken sowie wichtige Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin vermehrt ausgeschüttet werden16. Auch die Entzündungswerte im Blut sinken. Das heißt, es finden weniger Entzündungsreaktionen im Körper statt17. Entspannung kann demnach dazu beitragen, mit Wetterfühligkeit besser umzugehen.

Urlaub entsprechend planen

Extreme Hitze oder eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit lösen bei dir Migräne aus? Dann plane deinen Urlaub so, dass du nicht gerade zur heißesten Jahreszeit deinen Zielort besuchst. Schaue am besten rechtzeitig nach, welche Temperaturen und Wetterlagen in der Region zu erwarten sind.

Fazit

Ob das Wetter Migräneattacken begünstigt oder nicht, ist noch nicht abschließend geklärt. Während einige Studien keinen Zusammenhang zwischen Migräne und dem Wetter gefunden haben, zeigen anderen Studien, dass eine hohe Luftfeuchtigkeit, Luftdruckänderung oder ein starker Temperaturwechsel die Gefahr einer Migräneattacke leicht erhöhen können. Auch der Einfluss einer gewissen Erwartungshaltung wird hier als Ursache aufgeführt.

Migränebetroffene können durch ein Migränetagebuch und Wetterkarten beobachten, ob bestimmte Wetterlagen mit ihrer Migräne in Zusammenhang gebracht werden können. Eine gesunde und insbesondere niedrig-glykämische Ernährung, regelmäßiger und erholsamer Schlaf, Entspannungsübungen oder ein Temperaturwechseltraining können helfen, die Häufigkeit der Migräneattacken zu reduzieren.

Literatur

[1] Azzouzi H, Ichchou L. Seasonal and Weather Effects on Rheumatoid Arthritis: Myth or Reality? Pain Res Manag. 2020 Sep 7;2020:5763080. doi: 10.1155/2020/5763080

[2] Ostendorf T, Bernhard M, Hartwig T et al. Association between rapid weather changes and incidence of chiefly cardiovascular complaints in the emergency department. Am J Emerg Med. 2020 Aug;38(8):1604-1610. doi: 10.1016/j.ajem.2019.158440

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[4] Prince PB, Rapoport AM, Sheftell FD, Tepper SJ, Bigal ME. The effect of weather on headache. Headache. 2004 Jun;44(6):596-602. doi: 10.1111/j.1526-4610.2004.446008.x

[5] Marmura MJ. Triggers, Protectors, and Predictors in Episodic Migraine. Curr Pain Headache Rep. 2018 Oct 5;22(12):81. doi: 10.1007/s11916-018-0734-0

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[8] Walach H, Schweickhardt A, Bucher K. Hat das Wetter Einfluss auf Kopfschmerzen? Eine Evaluation der Biowetterklassen [Does weather modify headaches? An empirical evaluation of bio-weather categorization]. Schmerz. 2002 Feb;16(1):1-8. doi: 10.1007/s004820100066

[9] Li W, Bertisch SM, Mostofsky E, Buettner C, Mittleman MA. Weather, ambient air pollution, and risk of migraine headache onset among patients with migraine. Environ Int. 2019 Nov;132:105100. doi: 10.1016/j.envint.2019.105100

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[11] Siva ZO, Uluduz D, Keskin FE, Erenler F, Balcı H, Uygunoğlu U, Saip S, Göksan B, Siva A. Determinants of glucose metabolism and the role of NPY in the progression of insulin resistance in chronic migraine. Cephalalgia. 2018 Oct;38(11):1773-1781. doi: 10.1177/0333102417748928

[12] Yilmaz N, Aydin O, Yegin A, Tiltak A, Eren E, Aykal G. Impaired oxidative balance and association of blood glucose, insulin and HOMA-IR index in migraine. Biochem Med (Zagreb). 2011;21(2):145-51. doi: 10.11613/bm.2011.023

[13] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Richtig trinken – fit bleiben. Presseinformation: Presse, DGE intern, 2015 03/2015 vom 27.01.2015. Im Internet: https://www.dge-medienservice.de/media/productattach/File-1523011430.pdf

[14] Bigal ME, Hargreaves RJ. Why does sleep stop migraine? Curr Pain Headache Rep. 2013 Oct;17(10):369. doi: 10.1007/s11916-013-0369-0. Erratum in: Curr Pain Headache Rep. 2014 Jan;18(1):390

[15] Stanyer EC, Creeney H, Nesbitt AD et al. Subjective Sleep Quality and Sleep Architecture in Patients With Migraine: A Meta-analysis. Neurology. 2021 Oct 19;97(16):e1620-e1631. doi: 10.1212/WNL.0000000000012701

[16] Stephens I. Medical Yoga Therapy. Children (Basel) 2017; 4(2):12. doi: 10.3390/children4020012

[17] Pascoe MC, Thompson DR, Jenkins ZM et al. Mindfulness mediates the physiological markers of stress: Systematic review and meta-analysis. J Psychiatr Res 2017; 95:156-178. doi: 10.1016/j.jpsychires.2017.08.004

Über die Autorin

Jasmin Ostermann

Jasmin studiert im Master Nutritional Medicine und arbeitet seit Dezember 2021 als Werkstudentin bei Perfood. Durch ihr Studium hat sie erlebt, welchen großen Einfluss Ernährung auf die Gesundheit und die Lebensqualität der Menschen haben kann und dass einige Krankheiten durch Ernährung sogar geheilt werden können. Dadurch angetrieben, möchte sie ihr Wissen gerne mit euch teilen.

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